„Homo-Ehe“? Nein danke!

An verschiedenen Stellen schrieb ich ja bereits, dass ich den Begriff „Homo-Ehe“ genau so wenig mag, wie das derzeitige Konstrukt dahinter. Irgendwie drängt es mich, das heute mal etwas näher zu beleuchten. Die Bezeichnung „Homo-Ehe“ wirkt auf mich herabwürdigend, wertmindernd, diskriminierend. Genau das ist allerdings auch die heutige „Eingetragene Lebenspartnerschaft“. Sie führt zu zusätzlichen Pflichten (z.B. Bedarfsgemeinschaft) der Partner, gewährt ihnen aber nicht die entsprechenden Rechte.
So schauen eingetragene Partner in Sachen Steuerrecht, Adoption oder berufsständische Versorgung mehr oder weniger „in die Röhre“. Insbesondere die römisch-katholische Kirche und einige Anhänger argumentieren nun immer wieder mit dem Schutz der Ehe (Art. 6 GG).
Eben dieses Grundgesetz schützt allerdings auch die Familie. Es schreibt nicht vor, wie diese aussehen muss. Es geht aber davon aus, dass die Ehe die Vorstufe zur Familie darstellt. Nun sind diese Annahmen (gab es auch in der Weimarer Verfassung schon) aus heutiger Sicht meiner Meinung nach überholt. Es haben sich neue Lebensentwürfe entwickelt, die durchaus auch erfolgreich sind und in Familien münden. Ich verstehe nicht, was diese Arten von Familien mit alternativen Lebensentwürfen weniger förderungswürdig macht. Wie geht das mit dem Art.3 GG zusammen („Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“)? Wer sagt, dass eine Familie ohne klassische Ehe keine ist?
Eine Familie braucht keinen kirchlichen Trauschein!

Ich finde ja, die (insbesondere römisch-katholische) Kirche kann den Begriff „Ehe“ haben. Dann muss er aber auch aus dem Grundgesetz verschwinden und dort durch einen moderneren ersetzt werden. Warum nennen wir das nicht einfach Lebensbündnis?
Jede Art der Familie, jeder Lebensentwurf, die Menschen dabei helfen, friedlich zusammenzuleben, sich umeinander und auch um Nachwuchs zu kümmern etc., ist förderungswürdig. Die gleiche Kirche, die „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.“ sagt, behandelt ihre Angestellten schlecht, vertuscht Skandale, steht Vergewaltigten nicht bei. Hat eine solche Kirche das Recht, dem Staat vorzuschreiben, welche Lebensentwürfe er fördert? Hat sie das Recht, selbst vom Staat gefördert zu werden?
Wie sieht das mit den anderen Religionsgemeinschaften aus?

Ich finde, damit muss Schluss sein. Die Kirche muss wieder zu dem werden, was sie eigentlich ist: Eine Religionsgemeinschaft. Eine Privatsache. Sie ist kein staatliches Institut. Ein 64 Jahre altes Grundgesetz gehört in diesen Punkten modernisiert. Was spricht denn dagegen, dass homosexuelle Paare steuerlich gleichgestellt werden, Kinder erziehen und damit einen wichtigen Beitrag zu unserer Gesellschaft leisten? Was spricht dafür, den Art. 3 immer wieder auszuhöhlen, versteckt hinter dem Institut der klassischen Ehe? Auch bezeichnend: sogar die öffentlich-rechtlichen Medien verwenden den Begriff „Homo-Ehe“. Niveau: Boulevard.

Die derzeitige „Homo-Ehe“ ist Augenwischerei. Sie lässt Menschen denken, es sei alles geregelt. Ist es aber nicht. Ich verstehe nicht, warum sich homosexuelle Politiker bei entsprechenden Entscheidungen enthalten können, wo an dieser Stelle endlich Gleichberechtigung geschaffen werden könnte. Ich weiss, dass ich eben diese „Homo-Ehe“ nicht akzeptieren kann, will und werde. Ganz oder gar nicht! Der Staat hat losgelöst von der Kirche Fürsorge für ALLE Familien, für ALLE Lebensbündnissse, für ALLE Menschen zu tragen. Was ist so schlimm daran, wenn Menschen ihre Nächsten lieben, sich umeinander kümmern? Wem tut es weh, wenn Familien nicht mehr durch die klassische Ehe definiert sind (das sind viele m.E. schon seit Jahren nicht mehr)?

Noch etwas zum Thema Kinder: Ich persönlich würde zu heutigen Zeiten kein Kind adoptieren, weil ich wüsste, dass das Kind für meine sexuelle Orientierung leiden würde: im Kindergarten, in der Schule etc… .
Unsere Gesellschaft macht sich etwas vor. Wir sind lange noch nicht so tolerant, lange nicht so fortschrittlich und perfekt wie wir immer vorgeben. Irgendwo muss der Anfang gemacht werden.

Die CSD-Umzüge jedes Jahr gibt es nicht nur, damit das Fernsehen schöne bunte Bilder hat. Sie sind kein 2. Karneval. Sie haben bitterernsten Hintergrund.
Und deshalb geh ich hin.

Übrigens: Wie Diskriminierung hinter „Fakten“ versteckt wird, habe ich hier schon einmal aufgegriffen: https://chaosrind.wordpress.com/2013/01/11/blut-und-organe-spenden-jein/

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Kampf der Geschlechter – wenn Menschen unter die Räder kommen

Vorweg: Diskriminierung ist scheiße. Immer. Egal wen sie trifft.
Ich bin mir des Shitstormpotenzials dieses Textes bewusst.
BITTE: lest in Ruhe. Versucht zu verstehen, was ich sagen möchte. Versucht, nicht irgendwelchen sexistischen Mist in diesen Text hinein zu interpretieren. Ich habe an dieser Stelle NICHT vor, Sexismus, Rassismus, Respektlosigkeit zu relativieren oder zu entschuldigen. Werft bitte mal ne Schippe Kohle weniger aufs Feuer.
Nehmt Menschen mit in der Diskussion und versucht sachlich und respektvoll zu argumentieren.
Verschliesst Euch bitte nicht gleich, wenn Mensch es vielleicht noch nicht ganz begriffen hat. Wie lange habt Ihr selbst dafür gebraucht?

Weiter: ich habe mir weder Herkunft, Geschlecht, Familie noch sexuelle Orientierung ausgesucht.
Ich lebe damit. Ich bin weder stolz darauf noch schäme ich mich dafür.

Seit einigen Wochen scheint der Kampf der Geschlechter in eine neue Phase eingetreten zu sein.
Frauen verlangen mit Recht Respekt und Gleichberechtigung. Ich muss hier nichts hinzufügen.
Die Debatte ist in der Öffentlichkeit angekommen. Das ist gut.

Ich fühle mich durch die Art der Diskussion aber eben nicht „mitgenommen“. Dieser Punkt war spätestens erreicht, als es sinngemäß hieß: „Männer verhalten sich so, weil sie nicht als schwul bezeichnet werden wollen.“. Vielen Dank für dieses Statement (Ja, es gab noch mehr, wie z.B. den schwulen Türsteher etc…).
Ein Übel ersetzen wir einfach durch ein anderes!
Wollen wir wirklich von Opfern selbst zu Tätern werden?
Können wir bei so filigranen und aufgeheizten Diskussionen bitte zweimal nachdenken, ob wir einer anderen Gruppe von Menschen vor den Kopf stoßen?
Wissen wir denn nicht, dass ein einziges falsches Wort genügt? Können wir mal diese „Empathie“ ausprobieren?
Der Satz „Jetzt sind wir auch mal dran.“ ist so destruktiv.
Dabei wollten wir doch dieses „bunt und vielschichtig“.
Mein Gefühl derzeit ist leider eher: Jedes Grüppchen kocht sein eigenes Süppchen.
Das funktioniert nicht und es tut MENSCHEN weh, auch mir.

Wieso reden wir nicht MITeinander? Warum pauschalisieren wir andauernd anhand körperlicher Merkmale?
Warum setzen wir andere Menschen pauschal in ihrer Wertigkeit herab?
Stoßen wir nicht vielleicht potenziellen Unterstützern vor den Kopf?
Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem man versuchte, Frauen gleichberechtigt zu behandeln, gleichzeitig aber doch diesen uralten Trott nicht ablegen konnte.
Sprüche wie „Bist du n Mädchen?“ und einige mehr waren gang und gäbe.
Dieses schwarz-weiße Frau-Mann-Denken wurde und wird Kindern andauernd eingepflanzt.
Ist es nun besser, diese (ehemaligen) Kinder wegzustoßen oder ist es besser, mit ihnen zu reden, zumindest bis sie sich entscheiden, an sich selbst zu arbeiten oder eben nicht?
In einem anderen Post hatte ich ja schon etwas zum Thema Trotz geschrieben, warum es nicht funktioniert, Menschen mit der „Holzhammermethode“ zu überzeugen. (https://chaosrind.wordpress.com/2013/01/23/warum-wir-mehr-miteinander-wagen-sollten/)
Genau das ist im Übrigen auch der Grund, warum mich die sogenannte Quote nicht überzeugt. Weil sie den Menschen das (Um)Denken abnimmt. Ich möchte keine Quote brauchen!

Diese Gesellschaft ist in so vielerlei Hinsicht krank:
Man könnte annehmen, dass die homosexuelle Szene gemeinsam für mehr Akzeptanz und Gleichberechtigung kämpft. Teilweise tut sie das auch. Auf der anderen Seite gibt es Lesben, die Schwule hassen und Schwule, die Lesben hassen. Eine Szene, die mit Recht Toleranz und Akzeptanz fordert, bekommt das nichtmal szeneintern hin. Warum unterscheiden wir überhaupt noch Lesben und Schwule? Warum sind wir nicht einfach queer?
Ich habe es satt, zwischen „den Geschlechtern“ hin und her geschubst zu werden, wie ein Pingpongball.
Ich arbeite mit Frauen genau so gern und genau so gut zusammen, wie mit Männern und habe nicht vor, das zu ändern. Für die meisten Dinge im Leben ist es so irrelevant, wer mit wem ins Bett steigt und erst recht, was da dann passiert.
Auch ich bin „unsozialisiert“ worden in der Form der Werte, die mir vermittelt wurden. Für homosexuelle Menschen bricht während des sogenannten Coming Out quasi eine Welt zusammen. Plötzlich sind all diese Werte zweifelhaft bis völlig falsch.
Dieser Punkt ist für mich inzwischen lange her. Seitdem arbeite ich ständig an mir. Ich erhebe nicht den Anspruch, perfekt zu sein.
Müsste es nicht eher Sinn und Zweck dieser Diskussionen sein, Menschen eben zu Arbeit an sich selbst zu motivieren, sie dabei zu unterstützen?
Verurteilen ist einfach. Überzeugen ist nachhaltig.

In der Hoffnung, mit diesem Text nicht auch wieder Menschen gekränkt zu haben, warte ich jetzt mal ab, was passiert. Ich plane keine Fortsetzung. Aus der aktiven Diskussion werde ich mich zunächst heraushalten. Auf Kommentare, sofern sie fair sind, antworte ich aber gern.

 

10.2.2013: CC-BY-ND geändert auf CC-BY-SA